Geschichten bauen Brücken

GESCHICHTEN BAUEN BRÜCKEN                                                              Ein Flüchtlings-Erzählprojekt mit Migranten, Flüchtlingen und Senioren

von Oktober 2016 – April 2017

Eine Kooperation von:

Kathinka Marcks, Theater R.A.B und Ars Narrandi e.V.

und dem Projekt Zwischenraum von fairburg e.V., dem Seniorenheim Emmi-Seeh-Heim, besonderen Dank der Koordinatorin im Seniorenheim Claudia Wimmer.

Gefördert durch das Kulturamt Freiburg, die Sparkasse und den Landesverband Freie Tanz- und Theaterschaffende Baden-Württemberg e.V. aus Mitteln des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Landes Baden-Württemberg. 

            

 

                   

Ziel:

Deutschsprechen bzw. Erzählen mit den Worten, die da sind und den Worten, die nicht da sind, mit Körper und Mimik, vor vielen Menschen, darauf vertrauen und wissen, dass die anderen einen verstehen. Selbstsicherheit, Struktur, soziales Umfeld, Fähigkeiten und ungezwungenen, kreativen Ausdruck entdecken!

 

Das Mittel:

Erzählen von Geschichten aus der Heimat als Ankerpunkt, sie verbinden die Ankommenden mit ihrer Kultur, geben Ihnen Sicherheit und eine Möglichkeit sich zu identifizieren. Klarer zu sehen, was anders ist, in dieser anderen Kultur, dadurch dass sie ihre Kultur definieren und etwas Erfreuliches über ihr Land mitteilen können, um nicht nur immer wieder die gleiche Fluchtgeschichte und über den Krieg zu erzählen.

 

Ausgangssituation:

Die Menschen, die nach Deutschland kommen, kommen nicht hierher, weil sie die deutsche Kultur so lieben, sie kommen aus Not und bringen ihre Traumata, ihre Sorgen und auch ihre Kultur mit. Ihre Kultur gibt ihnen den einzigen Halt, den sie noch haben: Ihr Essen, ihre Sprache, ihre Lieder, ihre Geschichten. In Deutschland ist es sicher, doch alles ist anders. Nichts funktioniert so wie vorher. Die Familie ist nicht mehr da, um einander zu helfen, teilweise sind sie noch in der Heimat, im Krieg, in der Not. Alles ist anders, über die Straße gehen, einkaufen, wie sich Menschen begrüßen, die Architektur, wie sich Menschen helfen,… Es gibt keine Möglichkeit zu sprechen und zu lachen – erstmal – keine Arbeit, keine Beschäftigung, nur lauter Termine bei Behörden, wo irgendwas passieren muss und kaum etwas verstanden wird. Immer wieder Missverständnisse, Leute die zu schnell sprechen, Leute die gar nicht verständlich sprechen, Leute die ungeduldig sind. Kaum Privatsphäre in den Unterkünften, sexuelle Übergriffe, Streit auf engen Raum. Und wenn endlich ein Zimmer zugewiesen ist, steht man sich als Familie auf den Füßen. Man fühlt sich unnütz und hat keine Aufgabe. Die Kinder, die in die Schule gehen werden mit einer anderen Kultur und Sprache groß, Kinder die einem fremd werden. Dazu das Warten auf Beschäftigung, einen Sprachkursplatz. Und dann wieder völlig orientierungslos, ohne zu wissen was man will. In dem Wirrwarr nicht wissen was möglich ist, keinen Weg sehen. Nur Deutsch sehen und lauter Schranken, auf denen irgendwas unverständliches draufsteht, das auch kein Dolmetscher übersetzen kann. Das ist Kultur, das kann man nicht übersetzen.

Von diesem Standpunkt aus ging das Projekt los. Wir wollen versuchen zuzuhören, erklären und beschreiben, austauschen, kennenlernen. Wir können nichts erwarten, nur vorschlagen und anbieten. In den ersten Monaten liefen wir durch die Flüchtlingscafés mit Flyern und versuchten zu erklären, um was es in dem Projekt ging. Mit wenigen Worten erklären und auch herausfinden, was die Ankommenden brauchen. Übersetzte Flyer halfen zwar, aber immer noch hatten wir den Eindruck, dass selbst der Flyer nicht erklären konnte, was „Erzählen“ bedeutet und warum es helfen kann oder auch einfach nur Freude bringt. Doch zur Infoveranstaltung kam die Bestätigung: ca. 25 Interessierte mit Begleitung kamen, um sich zu erfahren, was in dem Kurs passieren würde. Fünf weitere konnten den Ort nicht finden, wo die Infoveranstaltung stattfand.

Von den Interessierten sind heute noch zwei im Kurs, die anderen vier kamen später dazu. Zu Beginn waren immer wieder neue Teilnehmer da, denn wir hörten nicht auf Werbung zu machen und sagten auch unseren Teilnehmern, sie können gerne noch Bekannte mitbringen. Mal waren es drei Leute, mal waren es 16. Nach einiger Zeit pendelte sich die Zahl auf sechs ein, wo sie bis zum Abschluss des Projektes geblieben ist.

 

Warum manche wieder gingen:

Natürlich, ist ein Grund für manche gewesen, dass es ihnen nicht gefallen hatte und das ist vollkommen verständlich. Doch es gab auch andere Gründe: Die Uhrzeit zu spät bzw. in der Zeit, wo die Kinder schlafen gingen, bzw. die Partnerin/der Partner gerade noch im Unterricht war und die Kinder betreut werden mussten, für einen selbst auf einmal ein Kursplatz frei wurde, familiäre Probleme, keine Verkehrsanbindung nach Hause, Krankheit,…

         

 

Die Entwicklung – der Kurs:

Wir begannen damit selbst einfache Geschichten zu erzählen, mit viel Mimik und Gestik, in einfachem Deutsch. Zuvor erklärten wir ein paar Worte und schrieben sie auf. Die Teilnehmer machten sich fleißig Notizen, versuchten die Geschichten oder dass was sie verstanden hatten wieder zu erzählen.

Wir machten viele Theaterübungen, für die Stimme, Aussprache und den Körperausdruck. Daraus wurde immer mehr ein Spiel…

Bis wir schließlich über Improvisation dazu übergingen, dass sie eigene Geschichten erzählten. Sie mussten sie zuerst finden und vorbereiten. Die Geschichten mussten in ein einfaches Deutsch gebracht werden, ohne komplizierte Worte, die keiner benutzt. Denn wie bereits erklärt, unser Konzept baute darauf auf, mit dem was da ist zu arbeiten und darüber eine Selbstverständlichkeit, Selbstsicherheit und Ausdrucksstärke aufzubauen, die aus Freude an der Kreativität besteht, anstatt des linearen Kopfdenkens, das verkrampft werden kann. Damit die Geschichten lebendig erzählt werden können, müssen die Worte vom Erzähler verstanden werden, die Bilder die der Erzähler dabei im Kopf trägt, die übermitteln alles andere: Die Emotion, die Farbe, die Perspektive,…

 

Bewegungen halfen auch dabei sich daran zu erinnern, wie die Geschichte weiterging und gaben ganz neue Dimensionen, auch interkulturell gab es bei den Bewegungen spannende Momente. Als Kazem ein traditionelles afghanisches Haus beschrieb verstanden wir erst an seiner Geste, dass es wirklich einen Brunnen im Hof gab, sonst keine Wasserstelle.

Die Teilnehmer trafen sich unabhängig vom Kurs, um zu üben, besuchten einander zu Hause. Mehr Worte waren da, die Stimmen wurden immer kräftiger und selbstsicherer, die Körperhaltung strahlte von Kraft und Lust. Die Gruppe immer vertrauter, lustiger, offener und ehrlicher. Lachen erfüllte den Raum, Mitleid und Mitgefühl. Von ganz allein wurde plötzlich über Sorgen und schöne Dinge gesprochen. Yousif, der seinen Führerschein gemacht hat, Kazem eine Deutschprüfung, die Erwartung eines Kindes… Ganz von selbst wurde über die Flucht gesprochen, war Raum da Fragen zu stellen über die Deutschen, die vielleicht „peinlich“ oder „unhöflich“ sind…

 

Kommunikation:

Die Kommunikation lief über WhatsApp. Es wurde immer lebendiger in der Gruppe, mit Bildern vom Keksebacken und viel Lob, Mitgefühl und Austausch fand statt. Die Teilnehmer schafften es zumeist, sich zu entschuldigen, wenn sie nicht kamen und kamen meist immer pünktlich bzw. sagten Bescheid, wenn sie später kamen oder früher gehen mussten.

 

Die Begegnung mit den Senioren:

Ein spannende Begegnung waren auch die Termine im Seniorenheim. Interessierte Senioren, die viele Fragen hatten und geduldige Senioren, die gerne zuhörten, Fehler liebevoll korrigierten oder großzügig überhörten und sich wirklich für den Menschen interessierten, die Erzähler beunderten für ihren Mut und lobten für alles was sie schon gelernt hatten. Es stellte sich heraus, dass die unterschiedlichen Generationen und Kulturen sich in manchen Dingen sehr ähnelten. Wer badet nackt? In Deutschland baden so viele nackt… Warum sind in Deutschland Menschen obdachlos? Im Irak wohnen alle bei der Familie und wenn sie keine Kinder haben, dann bei dem Bruder, dem Onkel, der Tante. Warum leben alte Menschen im Seniorenheim? Lebt sie gerne im Heim?

Es stellte sich heraus, dass auch von den Senioren welche Fluchtgeschichten hinter sich hatten, den Krieg miterlebt hatten.

Je häufiger wir in das Heim gingen, desto vertrauter wurde der Umgang, desto tiefer die Gespräche und umso mehr schwand die Unsicherheit…

 

           

 

Die Teilnehmer:

Yousif – Jeside aus dem Irak, spricht Kurdisch und Arabisch, bekam seinen ersten Deutschkurs im Laufe des Projektes, verheiratet 2 Kinder

Nafas – ehemals Flüchtling aus Afghanistan über Pakistan und Amerika, heute Migrantin, sunnitische Muslima aus Afghanistan, spricht Paschtu, Dari, Englisch, verheiratet

Aisha – sunnitische Muslima aus Afghanistan, spricht Dari, hat eine warme und klare Stimme, hat nur einen Alphabetisierungskurs, verheiratet 2 Söhne

Kazem – schiitischer Moslem aus Afghanistan, spricht Dari und bereits ganz gut Deutsch, 1 Bruder und Eltern

Asa – Migrantin aus Schwedin, Cellospielerin, engagiert für Flüchtlinge

Paz – Migrantin aus Chile, Meeresbiologin/Masseurin, in Chile engagiert für Indigene